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Das Interview mit Chefdirigent Gijs Leenaars, der Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des Rundfunkchores Berlin

Wenn man ein, zwei oder vielleicht auch drei Augen zukneift, sich die Brille wegdenkt, dann…ja, dann sieht Gijs Leenaars, Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des Rundfunkchores Berlin, fast so aus wie der junge Ludwig van Beethoven. Am 6. Oktober führt er, also Gijs Leenaars, gemeinsam mit seinem Chor und der Kammerakademie Potsdam die großartige „Missa solemnis“ als frühen Vorboten auf das große Beethoven-Jubiläumsjahr 2020 auf, das unter anderem auch mit dem Hashtag „BE BEETHOVEN“ wirbt. Passend, oder? Auf die nicht ganz ernst gemeinte Frage, ob er sich manchmal auch wie Beethoven fühle, kann Gijs Leenaars aber nur mit einem Lachen antworten.


Im Sinne von taub? Womit ich mich auf jeden Fall etwas identifizieren kann, ist Beethovens Wille, die Menschheit zu verstehen. Er hat sich ja viel mit der Frage beschäftigt, wie die Gesellschaft und das Individuum sich gegeneinander oder miteinander verhalten. Außerdem war er ja auch der erste freischaffende Komponist, was mich irgendwie sehr berührt. Und ich habe über ihn gelesen, dass er ziemlich unordentlich gewesen sei. Ein Zimmer voller Chaos und Brotkrümel, ungewaschenes Geschirr … Ich bin vielleicht nicht ganz so schlimm – aber das würde auch ein bisschen zu mir passen.


Und wie ist das, wenn man auf der Bühne steht und Chor und Orchester mit einem so gewaltigen Werk dirigiert? Fühlt man sich da wie Beethoven?


Nein, das kann ich nicht mit ‚ja‘ beantworten, weil ich ja nicht weiß, wie Beethoven sich gefühlt hat. Aber wenn ich so eine Partitur studiere – und die „Missa“ ist wirklich ein schwieriges Werk, in das man viele Stunden Studium stecken muss – dann frage ich mich immer wieder: Was will er mit dieser Stelle ausdrücken?‘ Ich versuche natürlich, ein paar biographische Hinweise zu bekommen, und davon gibt es bei der „Missa“ auch einige. Aber es gibt auch so vieles – gerade in diesem Stück –, bei dem ich mich frage, warum er das so gemacht hat. Vieles ist voller Gefühle und offen, vieles aber auch total undurchsichtig. Da bin ich mir manchmal nicht sicher, was er sagen will. Ich versuche dann zwar, näher an ihn ranzukommen. Das kann aber natürlich nur ein Versuch bleiben. Aber vielleicht ist das auch nicht so wichtig, weil es viele unterschiedliche Antworten gibt. Auf den Versuch kommt es an.


Wo liegen die Herausforderungen bei der „Missa solemnis“?


Für mich als Dirigent ist es schwierig, eine genaue Vorstellung davon zu entwickeln, wie etwas klingen soll – und an dieser Vorstellung dann festzuhalten. Das ist gar nicht so leicht, weil man oft auch an technische Grenzen stößt. Da ist dann die Frage: ‚Geht das eigentlich wirklich?‘ Zum Beispiel, was die Lautstärke betrifft. Er will oft sehr schnelle Passagen sehr laut haben – auch in Lagen, in denen das eigentlich nicht möglich ist. Ein Einsatz vom Bass wird nie so laut klingen wie ein hoher Sopran-Einsatz. Und da glaube ich manchmal zu spüren, dass Beethoven – vermutlich auch bedingt durch seine Taubheit – mehr in seiner Vorstellung als in der wirklichen Wahrnehmung gelebt hat.


Und wie löst man solche Probleme?


Einerseits muss man sich zutrauen, Entscheidungen zu treffen, die vielleicht auf den ersten Blick falsch scheinen. Aus Fortissimo ein Forte zu machen, zum Beispiel. Andererseits will man aber auch das Klangideal nicht verlieren. Beethoven hat es ja aus einem bestimmten Grund so aufgeschrieben. An manchen Stellen steht unter jeder einzelnen Note ein Fortissimo. Da darf ich nicht leichtfertig drüber gehen und ein Mezzoforte draus machen. Das ist, meiner Meinung nach, die größte Schwierigkeit für den Dirigenten. Man muss sein Klangideal umsetzen.


Ist das der Grund, warum Sie als Partner für den Rundfunkchor Berlin die Kammerakademie Potsdam gewählt haben und nicht ein konventionelleres großes Orchester?


Ja. Ich glaube wirklich daran, dass das gut funktioniert. Obwohl ich nicht weiß, wie groß das Orchester bei der Uraufführung damals 1824 in Sankt Petersburg war – darüber findet man nichts, leider. Ich bin aber generell davon überzeugt, dass es dann gut funktioniert, wenn der Chorklang überhaupt eine Chance hat. Ich finde es in der Regel schöner, wenn ein kleiner besetztes Orchester laut spielt. Und zwar so, dass es keine Angst haben muss, zu laut zu sein. Blöd ist es nämlich, wenn man ein großes Orchester ständig darum bitten muss, leise zu sein, weil man sonst den Chor nicht hört. Wenn das Orchester sich nicht zurückhalten muss, ist es auch für das Gesangsensemble schöner.


Miteinander musizieren statt gegeneinander anbrüllen?


Lauter geht ja eigentlich immer. Aber schön leise singen zu können, ist sehr schwierig. Das geht nur mit sehr versierten Sängern. Interessant klingt es aber genau dann, wenn die Unterschiede wirklich herauszuhören sind. Und das ist unsere Aufgabe.


Beethoven war ein religiöser Mensch, der sich allerdings irgendwann von der Kirche als Institution abwandte. Und die „Missa solemnis“ wird heute eigentlich gar nicht mehr im religiösen Kontext aufgeführt. Wie gehen Sie mit der Religiosität des Werkes um – vielleicht auch gerade in Hinblick auf die heutige Zeit, in der der Stellenwert von Religion wieder sehr kontrovers diskutiert wird?


Ich glaube, von allen Messen, die es gibt, passt diese total gut in die heutige Zeit. Weil Beethoven in der Messe Religion und Politik stark verbindet. Im Text vermeidet er beispielsweise explizit jeden Hinweis auf die römisch-katholische Kirche, sondern konzentriert sich auf das Christentum oder noch besser auf die Gesellschaft allgemein, die auf der Suche nach Erlösung oder Frieden ist. Ich glaube, dass da gerade die jüngere Generation heute sehr gut dran anknüpfen kann. Es ist immer die Frage, wie man mit Religion und Gefühlen umgeht. Ich persönlich glaube nicht an Gott. Das heißt aber nicht, dass ich mich nicht mit Ewigkeit beschäftige und damit, wie die Menschen miteinander und mit der Erde umgehen. Das bleiben ja absolut wichtige Fragen. Aus dieser Perspektive finde ich die „Missa“ sehr interessant, man spürt den aufblühenden Humanismus in dem Werk.


Sie haben mit der „Missa“ ja auch noch viel vor!


Oh ja! Leider stecken wir noch zu sehr in den Anfängen der Planung, als dass ich schon etwas verraten könnte. Aber es wird großartig! Wir wollen dem Publikum die Chance geben, die „Missa“ mit einer größer angelegten filmischen Umsetzung noch einmal ganz neu und sehr intensiv zu erleben. Da ist das Konzert am 6. Oktober im Konzerthaus der erste Anfang!





Das Interview führte Renske Steen
(c)