Interview des Monats
November 2019
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»Heart Chamber« – Im Gespräch mit Altistin Noa Frenkel

Am 15. November hat Chaya Czernowins Oper »Heart Chamber« (Herzkammer) unter Regie von Claus Guth Premiere an der Deutschen Oper Berlin. Wir haben Altistin Noa Frenkel, die eine der vier Solostimmen singt, über das Stück mit dem Untertitel »An inquiry about love« (Eine Untersuchung zu Liebe) befragt.

»Heart Chamber« ist ein starker Titel, der zugleich an Intimität und Verletzlichkeit, aber auch an Lebendigkeit und Kraft denken lässt. Was für eine Geschichte erzählt Chaya Czernowin?

Chaya Czernowin möchte in ihren Werken immer die Innenwelt auf die Bühne bringen – die innerste Erlebnisebene. Dabei geht sie gedanklich vor, als würde sie mit Musik malen. Das Stück ist auf keinen Fall eine Liebesgeschichte wie „Romeo und Julia“, die sich linear von Ereignis A zu Ereignis B vorwärts bewegt. Aber es hat alle Farben einer Liebesgeschichte – die Unsicherheit vor einem Treffen, die Spannung, wenn man auf einen Anruf wartet oder darauf, dass die andere Person rangeht, die Aufregung, das Wiedersehen, die Verletzungen. Es gibt eine Menge Zeitsprünge: Man beobachtet Erinnerungen und sieht zugleich, wie sie entstehen.

Was ist Deine Rolle im Stück?

Es ist zwar eine große Produktion, aber auf der Bühne sind nur vier Sängerinnen und Sänger. Die Rollen von Sopranistin Patrizia Ciofi und Bariton Dietrich Henschel sind offensichtlich – sie sind das Paar, zwei Seelen, nichts weiter. Sie sind in den Videos auch in realer Umgebung zu sehen. Dann gibt es noch zwei Rollen für Tenor Terry Wey und mich, die Altistin. Wir sind ihre inneren Stimmen. Wenn man etwas tun möchte, vor allem wenn es sich um etwas Beängstigendes handelt – und sich zu verlieben hat ja für die meisten Menschen etwas Beängstigendes – dann sagt die Hauptstimme: »Los, tu’s!« Aber die innere Stimme sagt: »Nein, erinnere dich – beim letzten Mal bist du verletzt worden!«

Hast Du Dich auf »Heart Chamber« anders vorbereitet als auf ein Stück, in dem Du eine »normale« Figur mit einem Namen singst, die einen eigenen Körper hat?

Wenn man eine Rolle wie Bizets »Carmen« singt, kennt man die Handlung und weiß, was von der eigenen Figur erwartet wird. »Heart Chamber« ist »work-in-progress«. Wir haben nur den Text, von dem aus wir mit unserem Regisseur Claus Guth weitermachen. Diese Arbeit ist wirklich kreativ, und sie wird vom ganzen Team geleistet. Wir arbeiten eher wie Theaterschauspieler und -schauspielerinnen. Das Werk entsteht im Prozess. Deshalb kann ich auch nicht sagen, wie es enden wird.

Wie beschreibst Du Chaya Czernowins Musik in diesem Werk?

»Heart Chamber« ist eine Oper auf elektronischer Basis. Sie ist voller Geräusche – Klänge von vielen gleichzeitig aufgezogenen Spielzeugen, Flüstern, konkrete Geräusche … da ist zum Beispiel ein sehr sinnlicher Moment, in dem man nichts hört außer dem Summen von Bienen. Alles pendelt zwischen Geräuschen und Augenblicken der Stille. Die elektronischen Klänge schaffen eine Landschaft. Es ist, als würde man sich in den Kopf und den Körper der Komponistin begeben. Deren innere Empfindung wird in Noten kommuniziert. Das ist eine ganz andere Position als in einer romantischen Oper mit ihrer linearen Handlung. Ich würde hier eher von Musiktheater als von Oper sprechen – wir singen ganz sicher keinen Belcanto-Stil.

Welche Kernbotschaft steckt für Dich in »Heart Chamber«?

Wir sind für Bindung geboren, aber nicht notwendigerweise fürs Verliebtsein. Das Stück untersucht Liebe. Chaya hält darüber keinen Vortrag, setzt aber ein Fragezeichen hinter die Art, wie Lieder, Filme oder Opern im allgemeinen Liebe, Heirat, Kinderkriegen als die großartigste Sache darstellen, die jeder unbedingt anstreben sollte. Sie möchte die unterschiedlichen Farben zeigen – »verliebt sein«, »verletzt sein«, »wollen/nicht wollen«, diese beiden Stimmen im Kopf. »Heart Chamber« ist dabei auf wunderbare Weise fortschrittlich: Das Stück zeigt Situationen, die uns allen klar sind, und erlaubt doch jeder und jedem einzelnen, eine eigene Bedeutung hineinzulesen.

Welches Publikum spricht das Werk Deiner Meinung nach an?

Ich hoffe sehr, dass dieses Musiktheaterstück den Teil des Opern-Kernpublikums anzieht, der offen für freiere Klänge ist und nicht nur Belcanto hören möchte. Und dass es ein jüngeres Publikum begeistert, das elektronische Musik und Avantgarde schätzt. Das passt zusammen, weil das Werk in seiner universellen Botschaft so offen ist, derart viel Platz für eigene Vorstellungen lässt und diese nicht-lineare Qualität eines »Tanzes durch die Zeit« hat.

Interview: Annette Zerpner