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08.07.2017, 19:30
Staatsoper im Schiller Theater
INFEKTION! Festival for New Musical Theatre
Jakob Lenz
Kammeroper in einem Akt und 13 Szenen von Wolfgang Rihm
Text von Michael Fröhling frei nach Georg Büchner
Conductor Franck Ollu
Director Andrea Breth
Set Designer Martin Zehetgruber
Costume Designer Eva Dessecker
Dramaturgy Sergio Morabito
Soprano 1 Irma Mihelič
Soprano 2 Olga Heikkilä
Bass 2 Eric Ander
Acrobat and Double Jakob Lenz Martin Bukovsek

approx. 1:30 h | without interval

VORWORT
Pre-performance lecture, 45 minutes prior to each performance (in German)
Referee: Roman Reeger
Eine Koproduktion der Staatsoper Unter den Linden mit der Oper Stuttgart und dem Théâtre Royal de la Monnaie / de Munt Brüssel

1. BILD Lenz hetzt durchs Gebirge. Stimmen bedrängen ihn. »Geist, der du in mir lebst! Woher kamst du, dass du so eilst? … Deine Hülle vermag’s nicht, all ihre Bande zittern … Nicht weiter empor! …« Er stürzt sich ins Wasser.

2. BILD Pfarrer Oberlin nimmt sich seiner an. Lenz richtet Grüße von ihrem gemeinsamen Freund Kaufmann aus. Oberlins Erinnerung an seine dichterischen Arbeiten wehrt Lenz ab.

3. BILD Lenz verbringt eine schlaflose Nacht. Ihn überfallen Erinnerungen an Friederike, eine von Goethe verlassene Geliebte, um die auch Lenz geworben hatte: »Du Weib, zu schön für diese Erde, du Sonnenkind, du Lenzgemüt! Wann werd’ ich dich wiederfinden, dich fiebernd fühlen? Du Heilige, Einzige, Göttliche!«

4. BILD Oberlin regt Lenz zu religiösen Naturschwärmereien an. Die Stimmen künden von Hoffnung: »Träum die alten Träume, / Wähn den alten Wahn, / Sieh’ der Zukunft Räume / Golden aufgetan.«

5. BILD Lenz bittet Oberlin, eine Predigt halten zu dürfen. Stammelnd und schreiend überwindet Lenz seine Redehemmung, ohne dass seine Worte die Gemeinde erreichen.

6. BILD Kaufmann trifft ein. Er führt mit Lenz ein Gespräch über Kunst. Lenz tritt unter Berufung auf »Bruder Goethe« für eine ungeschönte künstlerische Darstellung von Wirklichkeit ein: »Der liebe Gott hat die Welt wohl gemacht. Wir können nicht was Bessr’es klecksen.« Kaufmann überbringt Lenz den Befehl seines Vaters, nach Hause zu kommen. Lenz lehnt ab: »UNMÖGLICH … Tötet mich lieber …«

7. BILD Lenz auf der Flucht im Gebirge. Er erinnert sich eigener Gedichte. Die Stimmen trösten ihn zunächst, kündigen dann aber den Tod Friederikes an. Lenz will sie retten …

8. BILD … und stürzt ins nächtliche Pfarrhaus, …

9. BILD … dann, verfolgt von den Stimmen, aus denen sich die Stimme Friederikes zu lösen scheint, zurück ins Gebirge, …

10. BILD … zuletzt an die Totenbahre eines kleinen Mädchens. Verzweifelt versucht er es mit Worten Jesu zum Leben wiederzuerwecken: »Stehe auf und wandle«. Sein Scheitern versteht er als Zeichen seiner Verwerfung durch Gott.

11. BILD »Von nun an die Sonne in Trauer, von nun an finster der Tag!«
Die Stimmen versuchen, Lenz in den Selbstmord zu treiben.

12. BILD  Oberlin und Kaufmann wollen Lenz erneut zur Heimreise bewegen. Ihr Trost und ihre Drohungen lösen einen weiteren Ausbruch Lenz’ aus. Sie stecken ihn in eine Zwangsjacke.

13. BILD Lenz gibt nur noch das Wort »konsequent« von sich. Kaufmann und Oberlin reisen ab.

Von ersten Anzeichen einer paranoiden Schizophrenie geplagt, sucht der Sturm-und-Drang- Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz Mitte Januar 1778 den Philanthropen, Sozialreformer und Pfarrer Johann Friedrich Oberlin im elsässischen Waldersbach auf. Vermittelt durch den umtriebigen Literaten Christoph Kaufmann, der die Veränderung von Lenz’ Geisteszustand bemerkt hat, besteht Hoffnung, den Verlauf der Krankheit doch noch aufhalten zu können. Jedoch müssen Oberlin und Kaufmann bald mit ansehen, wie der von Stimmen getriebene und suizidale Lenz zunehmend den Kontakt mit seiner Umgebung zu verlieren scheint. Der Kommunikation unfähig, transformiert sich bei Lenz das Außen der vordergründigen Realität zu einer grotesk verzerrten Projektion ins Innere. Im Zustand jener seelischen Überspanntheit erhalten zwei gegensätzliche Pole in Lenz’ Welt eine besondere Präsenz: einerseits die Erinnerung an die vormals geliebte Friederike, andererseits jene quälenden Stimmen, welche gar vom Tod des Mädchens künden.

60 Jahre nach diesen Vorfällen erscheint, posthum, Georg Büchners berühmte Erzählung, die den etwa 20-tägigen Aufenthalt Lenz’ bei Oberlin in Waldersbach mittels der zugrundeliegenden und über weite Strecken auch wörtlich zitierten Briefe von Lenz sowie den umfassenden Aufzeichnungen Oberlins eindrucksvoll nachzeichnen. Seine bahnbrechende literaturhistorische Bedeutung gewann Büchners Novelle nicht zuletzt aus der eindringlich-suggestiven Erzählweise und der Vermischung von fiktionalen und faktualen Beschreibungen.

Als »eine Zustandsbeschreibung innerhalb eines Zerfallsprozesses« bezeichnete Wolfgang Rihm Büchners Erzählung und gibt hiermit zugleich einen Einblick in seine Auseinandersetzung mit der Figur Lenz, dessen Zustand er als eine »vollzogen[e] — aber noch nicht akzeptierte — Verstörung« benannte. In seiner 1977 bis 1978 entstandenen, auf Büchners Text basierenden Kammeroper, für die Rihm neben der literarischen Vorlage auch Gedichte des historischen Dichters Lenz sowie Briefpassagen Büchners verwendete, bleibt Lenz für den Betrachter auf paradoxale Art und Weise verborgen und transparent zugleich. Der Komponist versucht sich nicht an einer psychologisierenden »Ausleuchtung« seines Protagonisten im Sinne einer wie auch immer gearteten Erklärung von dessen Scheitern, sondern begreift diesen als das »Scheitern selbst«. In seiner Isolation der sich dauerhaft manifestiert habenden Verstörung bleibt Lenz gewissermaßen ein in unterschiedliche Stadien abgestufter Zustand, dessen genaue Beschreibung selbst das musikalische Narrativ bildet.

Zu Beginn steht der sich aus drei Tönen (h-f-ges) zusammensetzende Grundklang der Kammeroper, welcher das gesamte Werk durchzieht und gewissermaßen das »Scheitern« der perfekten Harmonie symbolisiert, indem die klingende reine Quinte (»h-«ges) durch eine hinzugefügte kleine Sekunde gestört wird. So wie sich Wahrheit und Fiktion in Lenz’ Wahrnehmung vermischen und durchdringen, entsteht ein zwischen Tonalität und Atonalität changierendes Klanggewebe, das deutliche Bezüge zu expressionistischen Meisterwerken wie Schönbergs »Moses und Aron« und Bergs »Wozzeck« aufweist. Nicht zuletzt aufgrund seiner unheimlichen suggestiven Wirkungskraft und der Originalität des Zugriffs, der sich fernab jeglicher Dogmatik bewegt, gehört Jakob Lenz zu den am meisten gespielten Werken des zeitgenössischen Musiktheaters in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Andrea Breth, die im Schiller Theater mit großer Resonanz bereits »Wozzeck« und »Lulu«, die beiden Opern Alban Bergs, inszeniert hat, und deren tiefsinnige Deutung von Janáčeks »Katja Kabanowa« das Berliner Publikum ebenso stark beeindruckte, hat »Jakob Lenz« 2015 an der Staatsoper Stuttgart auf die Bühne gebracht. Ihre hochgelobte Regiearbeit beschließt den Premierenreigen 2016/2017.


Roman Reeger