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14.01.2018, 19:30 Uhr
Staatsoper Unter den Linden
Ariadne auf Naxos
Nach »Elektra« und »Der Rosenkavalier« ist »Ariadne auf Naxos« das dritte Gemeinschaftswerk von Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss. In einem Brief von Hugo von Hofmannsthal an Richard Strauss vom Sommer 1911 bringt der Librettist die grundsätzliche Thematik der Oper »Ariadne auf Naxos« auf den Punkt:


»Es handelt sich um ein simples und ungeheures Lebensproblem: das der Treue. An dem Verlorenen festhalten, ewig beharren, bis an den Tod – oder aber leben, weiterleben, hinwegkommen, sich verwandeln, die Einheit der Seele preisgeben, und dennoch in der Verwandlung sich bewahren, ein Mensch bleiben, nicht zum gedächtnislosen Tier herabsinken.«


Diese beiden Liebes- und Lebensmodelle werden hier in den Figuren Ariadne und Zerbinetta gegeneinander gestellt und die sich damit ergebenden Fragestellungen sind es, die Regisseur Hans Neuenfels, der mit Ariadne seine erste Strauss-Oper inszenierte, als ein Zentrum des Stückes sieht. Strauss’ Musik zu dieser Oper lässt trotz des verhältnismäßig kleinen Orchesters nicht ab von der Verzauberung und Raffinesse, die bezeichnend für alle seine Partituren sind. »Ariadne auf Naxos« wird oft als ein Stück einer bestimmten Wende- oder sogar Endzeit bezeichnet, was sicherlich auch mit der Entstehungszeit während des ersten Weltkriegs zusammenhängt. Allerdings sind die Anzeichen dafür höchst subtil; vielleicht sind sie am ehesten darin zu erkennen, dass der jahrtausendalte Ariadne-Mythos seine welterklärende Durchschlagkraft zu verlieren beginnt und für Hofmannsthal Gefäß einer äußerst komplexen, dem ursprünglichen Mythos kaum mehr entsprechenden Fragestellung wird. Das Gefühl einer Paradoxie ist im ganzen Stück unüberhörbar: Die Gewissheit über die Fragwürdigkeit des Mythos und der gleichzeitige Versuch, einmal noch die ursprüngliche Empfindungsart heraufzubeschwören und womöglich damit einen neuen Mythos zu schaffen. Der Erfolg der Oper gibt Strauss und Hofmannsthal auf sensationelle Weise Recht.


Der ursprüngliche Plan der Autoren, Molières »Bürger als Edelmann« mit einer nachfolgenden Oper zu koppeln und die Uraufführung dieser Version 1912, ließen diesen Erfolg nicht ahnen. Dem Stück wurde höchstens ein höflicher Achtungserfolg zuteil, was zu einer langen, über vier Jahre dauernden Umarbeitung führte, deren Ergebnis dann – ganz ohne das Schauspiel von Molière – unter dem Titel »Ariadne auf Naxos – Oper nebst einem Vorspiel« 1916 in Wien zur Aufführung kam und seither alle vorausgegangenen Fassungen von der Bühne verdrängt hat. Dennoch wäre ohne Molière das Stück, wie wir es heute kennen, kaum so, wie es eben ist. Das sogenannte Vorspiel ist quasi ein Blick hinter die Kulissen der folgenden Opernaufführung und selten haben Hofmannsthal und Strauss so pointierten, gleichwohl aber auch beinahe sarkastischen Witz auf die Bühne gebracht. Es handelt sich um tatsächliches Musiktheater, in dem Personen Meinungen und Haltungen verkörpern. Rezitativisch extrem verknappte musikalische Momente werden nur einmal – dann allerdings wichtig und gewichtig – durch die lange Arie des Komponisten und das darauf folgende Duett mit Zerbinetta unterbrochen.


Der zweite Teil dagegen – die eigentliche Oper – besteht fast nur aus arioser Musik, selbst dann, wenn die Komödiantentruppe um Zerbinetta das Sagen hat. Auch die Thematik der beiden Teile unterscheidet sich auf den ersten Blick stark voneinander. Verkürzt könnte man sagen, dass es im Vorspiel um eine besessene Verteidigung der Kunst gegen den Kommerz geht: Alle, ob Komponist, Komödianten oder »seriöse« Gesangstars kämpfen mit allen Mitteln für den Wert und die Wertschätzung ihrer Kunstausübung. Das ist diskursiv, leidenschaftlich, schnell und sehr klar gesetzt. Diese Typologie verschiedener Künstler und Kunstauffassungen zeigt Neuenfels in deutlicher und schnörkelloser Direktheit. Trotz aller Unterschiede wirkt es beinahe, als würden sich die so unterschiedlichen Charaktere in ihrem Widerstand gegen den absurden Wunsch des Auftraggebers und damit Finanziers der geforderten Kunstveranstaltung verbünden. Aber genau diese aberwitzige Forderung des »reichsten Mannes von Wien«, das Komische mit dem Pathetischen in einem Stück zu vermischen, führt zu der grundsätzlichen, von Hofmannsthal beschriebenen, Problemstellung der folgenden Oper: das Verhältnis zwischen Mann und Frau und die verschiedenen Programme von Liebe. Liebe ist natürlich ein sehr allgemeines Thema, allerdings von höchster persönlicher Betroffenheit aller Beteiligten. Die Fixierung Ariadnes auf den einen Mann Theseus, der sie bekanntlich auf Naxos hat sitzen lassen, steht in krassem Widerspruch zur Haltung Zerbinettas, die davon überzeugt ist, dass die Liebe viele Gesichter hat. Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich die Oper. Jenseits von allem Klamauk zeigen die »komischen« Figuren von Zerbinetta ein anderes Liebeskonzept und Strauss hat dafür zwar eine grundsätzlich andere musikalische Farbe als für Ariadne erfunden, aber sie ist nicht schlechter, komischer oder derber, sondern eben anders. Man kann die Enttäuschung Harlekins verstehen, wenn Ariadne seine Serenade (»Lieben, Hassen, Hoffen, Zagen, alle Lust und alle Qual, alles kann ein Herz ertragen einmal um das andre Mal.«) nicht einmal zur Kenntnis nimmt. Sie reflektiert ohne Unterlass ihren eigenen Verlust und kommt über ihre einzigartige Liebe zu Theseus nicht hinweg und setzt diesen Verlust mit dem Tod gleich. So kann sie in Bacchus nur den lang ersehnten Todesboten Hermes sehen und ihn auch nur als diesen begrüßen und begreifen. Die Transformation, von der der Mythos spricht und in einer Vergöttlichung Ariadnes gipfelt, ist hier eine Wandlung in den Tod. Und seltsam hat bei ihr eine Mimesis von der Primadonna des Vorspiels zur Ariadne der Oper stattgefunden.
Tanzmeister: Jürgen Sacher
Musikalische Leitung: Eun Sun Kim
Inszenierung: Hans Neuenfels
Bühnenbild: Katrin Lea Tag
Kostüme: Andrea Schmidt-Futterer
Licht: Stefan Bolliger
Der Haushofmeister: Elisabeth Trissenaar
Ein Musiklehrer: Roman Trekel
Der Komponist: Marina Prudenskaya
Primadonna - Ariadne: Anna Samuil
Tenor - Bacchus: Roberto Saccà
Zerbinetta: Brenda Rae
Harlekin: Manuel Walser
Scaramuccio: Linard Vrielink
Truffaldin: Grigory Shkarupa
Brighella: Jonathan Winell
Najade: Evelin Novak
Dryade: Natalia Skrycka
Echo: Sónia Grané
Puppenspieler: JARNOTH
Andere: u.a., Staatskapelle Berlin

2:30 h | inklusive 1 Pause

VORWORT
Werkeinführung 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn
Referentin: Larissa Wieczorek
Kaum eine Oper erzählt mehr über Fragen des (sich) Treubleibens in Kunst und Liebe als »Ariadne auf Naxos«: Sollte man an Liebgewonnenem bedingungslos festhalten, oder aber offen bleiben, um sich Neuem zuzuwenden?


Die Oper eines jungen Komponisten steht kurz vor der Erstaufführung, als er von einigen kurzfristigen Änderungswünschen seines Auftraggebers, eines reichen Kunstbanausen, erfährt. Seine heroische Oper rund um die aus Liebeskummer selbstmordgefährdete Ariadne und das Stück einer Komödiantentruppe sollen gleichzeitig aufgeführt werden. Die auf Wunsch des Auftraggebers (und gegen den Willen des Komponisten) in die Ariadne-Oper eingefügten Auftritte der leichtlebigen Zerbinetta und ihrer Verehrer führt zu einer »Gegenüberstellung der Frau, die nur einmal liebt, und der, die viele Male sich gibt«, so Richard Strauss’ kongenialer Librettist Hugo von Hofmannsthal. So werden hier in den typisierten Opernfiguren auf teils humorvoll-augenzwinkernde, teils auch ernste Weise zwei Liebes- und Lebensmodelle miteinander konfrontiert. Zugleich aber stellt das Werk auch eine künstlerische Reflektion der Frage nach dem Miteinander von komödiantischen und dramatischen Elementen in der Oper dar und entführt den Zuschauer mitten in das turbulente Geschehen hinter den Kulissen einer fiktiven Opern-Erstaufführung.