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30.01.2013, 19:00
Deutsche Oper Berlin
zum letzten Mal in dieser Spielzeit
Don Giovanni
Dramma giocoso in zwei Akten; Libretto von Lorenzo Da Ponte; Uraufführung am 29. Oktober 1787 in Prag; Premiere an der Deutschen Oper Berlin am 16. Oktober 2010
Musikalische Leitung Guillermo García Calvo
Inszenierung Roland Schwab
Choreographische Mitarbeit Silke Sense
Don Giovanni Michael Volle
Donna Anna Patrizia Ciofi
Don Ottavio Yosep Kang
Der Komtur Ante Jerkunica
Donna Elvira Ruxandra Donose
Leporello Alex Esposito
Masetto Marko Mimica

ca. 3 Stunden 30 Minuten / Eine Pause

Einführung: 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn im Rang-Foyer rechts
„Woher hast du die wahnsinnigen Rechte genommen, denen du dein Leben verschrieben hast?“, fragt George Sand den Legendären. Gottfried Benn vertraut er beiläufig an: „Mir träumte einmal, eine junge Birke schenkte mir einen Sohn.“ Keine andere Kunstfigur der Neuzeit hat mehr publizistische Aufmerksamkeit erfahren als Don Juan, jener „Verführer von Sevilla“, der 1613 aus der Feder eines spanischen Mönchs floh. Nur sieben Jahre jünger als sein Landsmann Don Quijote bahnt er sich seither seinen Weg durch Dramen, Epen, Romane und Opern, geistert über Kinoleinwände und Plasmabildschirme. Vor wechselnden moralischen Hintergründen prahlt er – Mahnmal und Ikone – mit seiner berühmten Liste, angelegt gegen den Tod, den er als steinernen Schatten wirft. „Mein soll die Hölle sein!“, hörte ihn Lord Byron sagen.

Ein schneidender Akkord eröffnet am 29. Oktober 1787 im Gräflich Nostizschen Nationaltheater in Prag unter der Leitung des Komponisten die Ouvertüre zu einem Dramma giocoso über den Todeslauf von DON GIOVANNI. In der Geschichte des Musiktheaters ist dieser Augenblick nachträglich mit dem Urknall zu vergleichen. Um sich in die Figur des zügellosen Wüstlings und Gotteslästerers versetzen zu können, musste sich Textdichter Lorenzo da Ponte immer wieder durch Flirts mit der Tochter seiner Wirtin in Stimmung bringen. Mozart selbst, im Jahr zuvor mit seinem FIGARO erfolgreich, komponiert für 1000 Gulden Gage unter großem Zeitdruck. Die Ouvertüre wird erst am Tag der Uraufführung um 7 Uhr abends fertig. Einen „Blitz“ sieht Søren Kierkegaard, der „aus dem Dunkel der Wetterwolke sich löst, unsteter als dieser und doch ebenso taktfest. Höre der Leidenschaft zügelloses Begehren, höre das Rauschen der Liebe, höre das Raunen der Versuchung, höre den Wirbel der Verführung, höre des Augenblicks Stille – höre, höre, höre Mozarts Don Juan!“

Die Höllenfahrt, zu der der Archetyp sittlicher Verwerflichkeit bislang verurteilt war, fährt ihm diesmal als Seele ein. Für sein Ende wird zwar die ganze abendländische Metaphysik bemüht, doch bestätigt es nicht mehr allein die Gerechten in ihrer Entrüstung, sondern stiftet Betroffenheit. Die Freiheit, die der Libertin wider die verordnete Demut preist, macht ihn an der Schwelle zur Französischen Revolution zum anarchischen Prototyp. In seiner Zügellosigkeit, als Lebensentwurf aus dem Diktat der Hormone geschält, können sich triebhafte Sehnsüchte und Selbstverwirklichungsphantasien nachfolgender Generationen spiegeln.

Das 19. Jahrhundert wird ihn mit Faust verschwägern, um ihn dann sinnbeschwert der Psychoanalyse zu überlassen. Julia Kristeva ortet in ihm den „Sohn einer Mutter, die bei ihrem Gatten zur Träumerin wird und an ihren Kleinen weitergibt, er möge alle Frauen so erobern, wie keiner sie selbst je erobert hat“. Dass er traurig sein könnte, hält Albert Camus für unwahrscheinlich. Wie das „Lachen, die sieghafte Frechheit, das Sprunghafte“, das zutiefst Irdische, das der französische Philosoph an ihm diagnostiziert, doch täuschen kann! – Mit D.H. Lawrence sinniert der Ruhelose: „Wo gibt es Frieden für mich? Das Mysterium muss in mich verliebt sein …“

Was treibt den Verführer durch die Schlafzimmer der Jahrhunderte? Was jagt den Jäger? Wer ist dieser Mann, der immer nur bedeutet, wirklich?

* * *
DIE HANDLUNG (Roland Schwab, Christian Baier)

Erster Teil – DIE OHNMACHT DER FREIHEIT

Aus dem Dunkel kommend – Don Giovanni. Viele Gesichter hat der „Verführer aller Verführer“ mit den Jahren bekommen! Wer aber ist er wirklich?

7. Das Donna-Anna-Syndrom
So will es die Story: Don Giovanni tötet den Vater seiner Geliebten Donna Anna. Wie oft hat er das schon getan! Neben der Leiche lässt er eine rätselhafte Karte zurück. Der Countdown läuft … Donna Anna verschweigt ihrem Bräutigam, Don Ottavio, ihr Verhältnis mit Don Giovanni. An der Leiche ihres Vaters schwört sie Vergeltung. Rache heißt fortan das Mantra ihres schlechten Gewissens.

6. Der Donna-Elvira-Komplex
So sieht es das Libretto vor: Donna Elvira, eine „abgelegte“ Geliebte, stellt Don Giovanni zur Rede. Leporello, sein Diener, führt ihr vor Augen, wie unbedeutend ihr persönlicher Schmerz ist, gemessen an der Unzahl gebrochener Herzen, die Don Giovannis Lebensweg pflastern. Eine geheimnisvolle Karte ist auch für Donna Elvira bestimmt …

5. Die Zerlina-Situation
So bestimmt es die Dramaturgie: Hochzeit von Zerlina und Masetto. Vor Augen Donna Elviras und des Bräutigams verführt Don Giovanni – sein Image verlangt es – die Braut. Und spielt eine weitere seiner merkwürdigen Karten aus … In Donna Elvira und Masetto finden Donna Anna und Don Ottavio Verbündete für ihre Rache an Don Giovanni. Zerlina soll der Lockvogel sein. Die Freiheit feiert ihr Fest. In Verkleidung verschaffen sich die Rächer Zutritt und stellen Don Giovanni. Bereitwillig beugt er sein Haupt unter das Schwert, das Don Ottavio gegen ihn erhebt. Nun ist alles zu Ende! Lange hat er auf diesen Augenblick gewartet. Doch Hoffnung ist ein Witz ohne Pointe. Das Chaos, sein Weggefährte seit Jahrhunderten, schlägt über ihm zusammen.

Zweiter Teil – DIE LETZTE VERSUCHUNG

4. Innocentia
Der Morgen danach. Ein Mädchen. Tote Menschen wiegen schwerer als gebrochene Herzen. Drei Karten sind noch übrig …

3. Stunde der Komödianten
So braucht es das „Dramma giocoso“: Als Don Giovanni verkleidet soll Leporello Donna Elvira ablenken. Die Verwechslungskomödie nimmt ihren Lauf. Don Giovanni lockt Masetto in eine Falle. – Zwei Karten bleiben noch …
Leporello fliegt auf. Knapp entkommt er den Rächern.

2. Master of Horror
Auf dem Friedhof. Die Stimme des toten Komturs. Don Giovanni bittet den Toten zu einem Abendmahl. Zum finalen, wie er hofft. Die Weichen für das Jüngste Gericht sind gestellt … Auf den Trümmern ihrer Beziehung fügen sich Donna Anna, verbissen in ihre Lebenslüge, und Don Ottavio, einen unausgesprochenen Verdacht in sich, in die sanften Schrecken, die ihre kalte Ehe für sie bereithält.
Eine Karte hält Don Giovanni noch in der Hand. – Der letzte Trumpf …

1. Das Don-Giovanni-Prinzip
Don Giovanni erwartet seinen wahren Richter. Vergeblich beschwört ihn Donna Elvira, von seinem Vorhaben abzulassen. Zu viel aber ist schon gesagt, gedichtet, geschrieben über ihn. Jahrhunderte der Deutungen lassen keinen Spielraum. Auf dem Schienenstrang der Interpretationen treibt Don Giovanni seinem vorbestimmten Ende entgegen. Schon ruft ihn das Strafgericht auf die Anklagebank. Himmel und Hölle werfen den Motor des Untergangs an. Die letzte Karte ist gezückt. Wem gilt sie? Der Countdown ist zu Ende. – Und wieder ist nichts geschehen. Die wahre Hölle ist die Wiederholung. Ins Dunkel gehend, der nächsten Deutung zu – Don Giovanni …