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Kafka, Künstler, Kommunikation – Im Gespräch mit Lotte Greschik
Am 22. Juni feiert mit „Kafkaskop“ eine Musiktheater-Produktion am Konzerthaus Berlin ihre Uraufführung. Fünf Berliner Komponisten widmen sich in kurzen Musiktheaterwerken einzelnen Aspekten aus Franz Kafkas „Brief an den Vater“ – ohne die anderen Werke und deren genaue Besetzung zu kennen. Die Regisseurin Lotte Greschik sprach vorab mit Uwe Friedrich über künstlerische Kommunikationsprozesse, Franz Kafka und die freie Kultur-Szene in Berlin.

Franz Kafkas „Brief an den Vater“ ist ein extrem durchkonstruiertes Sprachkunstwerk, das unendlich viel Interpretationsspielraum lässt und an dem schon Generationen von Germanisten verzweifelten. Wieso haben Sie für ihr Musiktheaterprojekt ausgerechnet diese Vorlage gewählt?

Lotte Greschik: Unsere Ausgangsidee war das Thema Kommunikation. Vor fünf Jahren haben wir damit begonnen. Wir wollten ein riesiges Projekt machen mit jeweils fünf Komponisten, fünf Regisseuren, fünf Bühnenbildnern, fünf Kostümbildnern, fünf Librettisten und fünf Lichtdesignern. Die sollten jeweils ein Arbeitsmodell entwickeln, das sich von der üblichen Arbeitsweise abheben sollte. Normalerweise läuft es doch so, dass ein Sujet gesucht wird, dann kommen jeweils einzeln der Librettist, der Komponist, der Bühnenbildner und so weiter. Jeder arbeitet alleine vor sich hin und zum Schluss wird in einer Nacht noch schnell die Beleuchtung gemacht. So stand also das Thema der künstlerischen Kommunikationsprozesse und ihrer Herausforderungen im Raum. Dann kamen wir auf den „Brief an den Vater“, weil dort genau dieses Thema umkreist wird. Wir fanden es gerade spannend, dass der Text auf den ersten Blick für das Theater nicht viel herzugeben scheint.

Franz Kafka kommt außerhalb der germanistischen Seminare immer mal wieder in Mode, „Das Schloss“ oder „Die Strafkolonie“ sind auch bereits komponiert worden. Was fasziniert an diesen Texten?

Lotte Greschik: Für mich war Kafka immer der kranke, schwermütige Mensch, der furchtbar unter seinem Vater gelitten hat, eine Arbeit hatte, die er nicht mochte, und dann skurrile Geschichten geschrieben hat. Ich war dann sehr überrascht, als ich über ihn las, dass er sehr eloquent und lebenszugewandt war. Er wurde plötzlich zu einer schillernden Figur, die auch sehr viel Humor hatte. Auch der „Brief an den Vater“ ist mit all seinen Übertreibungen teilweise sehr lustig. Neben all dem Selbstquälerischen zeugt der Brief auch von sehr viel Selbstironie. Wenn es nur traurig, hoffnungslos und depressiv wäre, hätte es auch keine Spannung auf der Bühne. Ich hoffe auch, dass wir den Humor und die Kraft des Textes transportieren können. Viele von uns kennen auch die Situation, sich selber als Künstler zu sehen und gleichzeitig einen Brotberuf ausüben zu müssen.

Woher kennen sich die beteiligten Künstler?

Lotte Greschik: Die Komponisten sind Mitglieder des Vereins „Klangnetz“, in dem sich vorwiegend Komponisten zusammengeschlossen haben, um gemeinsam freie Projekte auf die Beine zu stellen. Die Bandbreite ist sehr groß. Einige komponieren akustisch, andere auch elektronisch. Einige leben von ihren Kompositionen, andere unterrichten, die Lebensentwürfe sind sehr unterschiedlich. Aber alle kennen sich seit langem und schätzen sich persönlich ebenso wie ihre Arbeit.

Wurden die musikalischen Lösungen im Team erarbeitet wie ursprünglich geplant oder lassen Sie sich als Regisseurin von den Vorstellungen der Komponisten überraschen?

Lotte Greschik: Die fünf Komponisten wissen nicht, was die anderen schreiben und ich weiß zum Teil auch noch nicht, was sie schreiben und ich schließlich inszenieren werde. Wir haben einige Punkte vorgegeben. Die Komponisten konnten mit einem Sprecher, einer Mezzosopranistin, Blockflöte, E-Gitarre, Schlagzeug und Cembalo arbeiten. Ich weiß nicht, wie diese Besetzung zustande kam, das haben die Komponisten entschieden, aber sie besteht auf interessante Weise aus neu und alt und bietet viele Möglichkeiten.

Junge Künstler hatten es noch nie leicht, aber gerade in letzter Zeit wird sehr kontrovers diskutiert, welche Kunstformen von der öffentlichen Hand finanziell unterstützt werden. Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Lotte Greschik: Wir haben hier im Konzerthaus sehr attraktive Bedingungen mit dem Werner-Otto-Saal und der Infrastruktur im Gebäude und genießen diese Zusammenarbeit sehr. Ich kann aber verstehen, dass viele Künstler irgendwann sagen, dass sie die Selbstausbeutung nicht mehr betreiben wollen. Sehr häufig wird die kreative Tätigkeit sehr schlecht entlohnt und es ist völlig richtig, dann auf die Barrikaden zu gehen. Das Land Berlin schmückt sich gerne mit der Anziehungskraft der freien Szene, weigert sich dann aber, sie angemessen finanziell zu unterstützen. Das ist sehr schade, aber so lange es Menschen gibt, die weiterhin künstlerisch arbeiten wollen, wird dieses selbstausbeuterische System weiter funktionieren.

Das Gespräch führte Uwe Friedrich.

Lotte Greschik | © privat
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