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Interview mit dem neuen Chordirektor der Deutschen Oper Berlin

„Da singen sich Menschen gegenseitig an – das ist doch lächerlich!“ Ja, auch das ist eine Meinung über Oper. Zum Glück nicht die von Jeremy Bines, dem neuen Ersten Chordirektor der Deutschen Oper Berlin – auch wenn er es in dem Interview selbst gesagt hat. Aber nur, um zu zeigen, dass Oper wie zum Beispiel Giacomo Meyerbeers „Le Prophète“ die am 26. November Premiere feiert, alles darf und dabei auch noch hochaktuell und faszinierend sein kann. Dass er selbst inzwischen ein gefragter Opernchordirigent ist, verdankt der 1977 in Belfast geborene Bines einem Zufall. Aber das erzählt er am besten selbst.


Eigentlich würde ich sagen, dass ich gar kein Teil dieser so berühmten Chorszene Englands bin. Es gibt ja die traditionsreichen Konzertchöre, Kirchenchöre, Alte-Musik-Konsortien, Opernchöre… Und mein Weg führte mich über die Oper eher zufällig zum Job des Chordirektors. Ich bin in Canterbury im Südosten aufgewachsen und habe im Schul- und im Kirchenchor gesungen. Aber ich bin kein ausgebildeter Sänger. Bei uns in England bekommt man die Möglichkeit, schon sehr früh mit Chor- und Ensemblesingen in Berührung zu kommen. Und wenn man mit 8 oder 9 Jahren schon lernt, Harmonien zu singen, dann entwickelt man ein Ohr dafür. Das ist perfekt, denn das brauche ich in meinem Job jetzt, in dem es vor allem ums Zuhören geht.


Was warst Du vorher?

Ich war Korrepetitor in der Oper in Kopenhagen. Und nach einem Jahr dort hatte ich das Gefühl, dass es reichte, dass ich dort genug getan und erlebt hätte. Als die Opernleitung das mitbekam, bat sie mich, doch zu bleiben, und bot mir an, eine Audition für eine 50-Prozent-Stelle als Chordirektor mitzumachen. Ich dachte, na gut, wenn es nur eine 50-Prozent-Stelle ist, dann bin ich ein paar Wochen hier und kann die andere Zeit in England arbeiten. Also bewarb ich mich – und bekam den Job. Und er hat mir richtig gut gefallen! So bin ich also Chordirektor oder vielmehr zuerst Chorus Master geworden. Dafür muss man selbst kein ausgebildeter Sänger sein, sondern man muss wissen, wie man Sängern helfen kann.


Ich habe ein Zitat gefunden. Ein ziemlich fieses Zitat eigentlich. Aber mich würde interessieren, was Du darüber denkst. „Die meisten Opernchöre fühlen kaum die Emotionen dessen, was sie singen. Sie gehen auf die Bühne und wieder ab, sie stehen dort und führen aus, ohne sich zu irgendwas zu bekennen, das die Noten, die sie singen, mit Leben erfüllt.“

Nein, natürlich, warum wäre ich sonst Chordirektor, wenn ich damit einverstanden wäre! Opernchöre bestehen aus Künstlern, die sehr gut und vielfältig ausgebildet sind. Natürlich gibt es in großen Gruppen immer ein oder zwei, die nicht ganz so gut sind wie die anderen. Aber auf der anderen Seite gibt es dort eben auch herausragende Sängerinnen und Sänger. Die letzten acht Jahre war ich Chordirektor in Glyndebourne. Dort bekommt der Opernchor unglaublich viel Zeit, von der man einen großen Teil damit verbringt, die szenische Aktion zu proben. Aber das hängt natürlich auch vom Regisseur ab. Es gibt sicher einige Regisseure, die eher Chöre des Kalibers gewöhnt sind, das das Zitat beschreibt. Die wissen gar nicht, was sie mit einem Chor alles anfangen können. Und dann ist die Frustration beim Chor groß, wenn er nicht passend eingesetzt wird.

„Le Prophète“ ist eine echte Herausforderung für jeden Opernchor: schwierige Passagen, viele Einsätze, insgesamt dauert das Werk über vier Stunden. Wie bereitest Du den Chor der Deutschen Oper Berlin darauf vor?


Zeit ist knapp hier. Der Opernchor ist nämlich mehr als gut beschäftigt. Wir fangen bald mit den szenischen Proben zu „Le Prophète“ an, aber gleichzeitig gibt es auch die Wiederaufnahme von Prokofjews „Die Liebe zu den drei Orangen“ und abends ist der Chor auch bei „Der Barbier von Sevilla“ dabei, beim „Fliegenden Holländer“, „Elektra“, „Hochzeit des Figaro“, „La Bohème“, „Zauberflöte“, „Lohengrin“, „Nabucco“ und singt daneben noch im Konzert Mahlers Zweite Sinfonie. Alles zur gleichen Zeit! Die Sängerinnen und Sänger haben also unglaublich viel und dabei ganz unterschiedliche Musik im Kopf. Und wenig Zeit zum Proben. Und an diesem Punkt werden sie zu wahren Künstlern und bringen auch ihre eigene szenische Phantasie mit ein. Es ist unser Job, das Publikum zu achten. Das Publikum trägt seinen Teil zum Ganzen bei, indem es die Tickets kauft und aufmerksam im Zuschauerraum sitzt, und wir unseren, indem wir eine gute Vorstellung abliefern. Ich denke, Oper muss glaubwürdig sein und überzeugen. Natürlich ist sie per se überhaupt nicht glaubwürdig. Da singen Menschen sich an, das ist lächerlich! Aber trotzdem!

In „Le Prophète“ singen sich vor allem die so genannten Wiedertäufer von Münster an. Mit dieser Blockbuster-Oper feierte Meyerbeer bei der Uraufführung 1849 einen Riesen-Erfolg. Was kann eine Oper mit einer solchen Geschichte in heutigen Zeiten erreichen, in denen die Leute sich im Kino „Blade Runner 2049“ angucken?

Erstmal ist Oper ja von Natur aus wie ein 3-D-Film. Und das ohne lästige 3-D-Brille. Was die Geschichte betrifft: „Le Prophète“ handelt davon, wie Menschen andere Menschen davon überzeugen, einen Gottesstaat zu errichten – und zwar mit tödlichen Folgen. Ob das nun in den 1530er Jahren war oder heute – das ist einfach eine packende Geschichte. Meyerbeers Opern sind sehr lang und sehr laut und am Ende geht alles in Flammen auf. Ich weiß noch nicht, wie das am Ende auf der Bühne aussehen wird, aber es kann nur eine echt gute Show werden. Man kann schließlich immer noch nach Münster fahren und sich die Käfige anschauen, in denen die toten Wiedertäufer damals an der Lambertikirche ausgestellt wurden. Das ist nicht nur ausgedacht, das gab es wirklich! Und das macht die Geschichte so gut und sehenswert, mit allem, was dazu gehört.



(c) Glyndebourne