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Die sieben Todsünden – Im Gespräch mit Barrie Kosky
Nach dem sensationellen Erfolg von Cole Porters Musical „Kiss me, Kate“ arbeiten Dagmar Manzel und Regisseur Barrie Kosky erneut an der Komischen Oper Berlin zusammen. Ganz fokussiert auf seine Protagonistin, die Schauspielerin und Sängerin Dagmar Manzel, erzählt der künftige Intendant des Hauses die bittere Geschichte der Anna in Weills „Die sieben Todsünden“.

„Die sieben Todsünden des Kleinbürgertums“ sind ein Sonderfall im Schaffen von Kurt Weill und Bert Brecht. Eine Frau erzählt ihre Lebensgeschichte, vor allem wie sie von ihrer Familie ausgebeutet wird. Dagmar Manzel spielt eine Doppelrolle, die Schwestern Anna I und Anna II, die sich vor ihrer Familie rechtfertigt. Ursprünglich wurde das Werk im Pariser Exil für Kurt Weills Ehefrau Lotte Lenya und eine Tänzerin geschrieben. In der Regel wird das Stück konzertant aufgeführt. Welche Idee steckt hinter Ihrer Inszenierung?

Barrie Kosky: Es ist eine „One Woman Show“. Die Familie kommt zwar vor, gibt aber fast nur die zynischen Stichworte für Annas Rückschau auf ihr Leben. Dementsprechend ist Dagmar Manzel fast allein auf der Bühne. Nach „Kiss Me, Kate“ und vor den anderen Stücken, die wir bereits fest verabredet haben, ist es sehr gut, dass wir ein kleineres Format gemeinsam machen. Schon vor zwei Jahren hatte sie mir gesagt, dass sie dieses Stück gerne singen würde und wir haben es nun mit einigen Liedern Kurt Weills ergänzt, damit es eine abendfüllende Länge bekommt.

Eine knappe Dreiviertelstunde dauern die „Sieben Todsünden“ alleine, welche Lieder haben sie zusätzlich ausgewählt?

Barrie Kosky: Im ersten Teil singt Dagmar Manzel sieben weitere Lieder von Kurt Weill, die nur vom Klavier begleitet werden, und nach den „Sieben Todsünden“ singt sie noch einen Epilog. Wir wollten dem Werk einen Rahmen geben. Die zusätzlichen Lieder stammen hauptsächlich aus seiner Berliner Zeit, eins aus der Zeit aus Paris und eins aus Amerika. In diesen Songs wird deutlich, dass Kurt Weill ein ganz großer Liedkomponist war. Für mich steht er in einer Reihe mit Franz Schubert, Robert Schumann, Hugo Wolf und Richard Strauss. In drei oder vier Minuten erzählt er überwältigende Geschichten. Er hat ein großes Gespür für Melodie, Harmonie und Rhythmus, um den Text zu transportieren. Noch immer sind viele deutsche Musikwissenschaftler anderer Meinung als ich, aber für mich ist er einer der ganz großen deutschen Komponisten.

In den „Sieben Todsünden“ wird aber nicht nur der Text von Brecht vertont, sondern es gibt auch ausgedehnte Tanzszenen. Strebt Dagmar Manzel nun nach einer Schauspiel- und Gesangskarriere auch noch eine im Ballett an?

Barrie Kosky: Der Produzent des Stücks in Paris sagte zu Kurt Weill, dass er sein Geld nur dann gibt, wenn auch eine Rolle für seine Frau, die Tänzerin Tilly Losch, dabei rauskommt. Für uns war sehr schnell klar, dass Dagmar Manzel beide Schwestern spielen sollte. Man sieht verschiedene Aspekte dieser Frau. Bei uns gibt es nicht nur Anna I und Anna II sondern auch Anna fünf, sechs und sieben im selben Körper. Den Tanzaspekt benutzen wir eher symbolisch und in Fragmenten. Dagmar Manzel ist keine klassische Tänzerin, aber sie hat eine unglaubliche körperliche Präsenz und Ausdruckskraft. Unsere Inszenierung erinnert an einen Beckett-Monolog. Ganz ähnlich wie Winnie in „Glückliche Tage“ blickt eine einsame Frau auf ihr Leben zurück. Das wird sehr reduziert sein. Wir haben keine Requisiten, kein Bühnenbild, keine Möbel auf der Bühne. Kein aufwendiges Licht, nur ein Verfolger auf Dagmar Manzel, die sich die Bühne mit dem Orchester teilt. Volle Konzentration auf diese Frau, ihre Stimme und ihren Körper. Das wird ein hochvirtuoser Abend für Dagmar Manzel. Man ist sich nie sicher, ob Anna diese Geschichte nur erfindet oder ob das alles wahr ist. Ob eine lebende Tote zu uns spricht oder doch eine reale Frau. Diese wunderbare Schauspielerin schafft die Verbindung zwischen dem Vulgären, dem Banalen und dem tief Berührenden.

Allerdings verstößt die Besetzung mit nur einer Person an einigen Stellen deutlich gegen den Text, in dem die beiden Schwestern in einen Dialog mit einander treten.

Barrie Kosky: In unserer Inszenierung spricht sie mit sich selber. Schließlich bestehen wir alle aus verschiedenen Persönlichkeiten und unsere Wünsche sind nicht immer eindeutig. Es wird sicher Zuschauer geben, die es unmöglich finden, die „Sieben Todsünden“ mit nur einer Darstellerin für beide Annas zu inszenieren. Aber wir sind zuversichtlich, dass es sehr gut funktioniert. Ich finde es immer sehr berührend, wenn ich eine einzelne Figur auf der Bühne auf einer Lebensreise beobachten kann. Alle Erfahrungen von Freude, Wut, Unsicherheit, Humor und so weiter, alle Emotionen teilen sich unmittelbar mit. Wir wollten definitiv keine Lotte-Lenya-Nostalgieveranstaltung auf die Bühne bringen. Fast genauso schlimm wäre eine Feier des Selbstmitleids dieser gequälten Frau. Das soll auf keinen Fall eine sentimentale Veranstaltung werden. Ich glaube, man kann Zuschauer an einem Theaterabend zum Lachen, Weinen und zum Nachdenken anregen.

Das Gespräch führte Uwe Friedrich.

Barrie Kosky | © Wolfgang Silveri
(c)Wolfgang Silveri
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